Alles aus dem Nichts

Beabsichtigte Enttäuschung: Ziel des Spiels sind die Geschichten der Kinder oder anders: die phantastische Erfahrung, dass sie zum Spielen (fast) nichts brauchen. Nur ihre Ideen. Es gibt keinerlei „wertvolle“ Hinweise, versteckte Überraschungen oder Geschenke, wie bei gewöhnlichen Kinder-Veranstaltungen.

Der Effekt: Nach anfänglicher Frustration – „Wir finden ja gar nichts“ –  erscheint den Kindern die Sache schnell gerade deshalb als real und gefährlich, weil sie merken, dass hier ausnahmsweise mal (fast) nichts für sie inszeniert wurde. Sie werden staunen, was die Kinder dann doch alles finden, wer alles verdächtig ist, was für Abenteuer unterwegs zu bestehen waren und was die Kinder erzählen. Ihre Heimfahrt wird nicht langweilig – versprochen!

Ein guter Detektiv kann fast immer etwas kombinieren. Nur wenn ihm gar nichts einfällt, ist es wahrscheinlich Müll.

Der Preis der Sicherheit

Pädagogischer Notstand. Die Verbrecherjagd spielt auf einen Notstand an, für den die Pädagogik seit Jahren vergeblich nach Lösungen sucht: Unsere Kinder erleben die Welt nicht mehr, in der sie einmal bestehen sollen. Sie spielen nur noch in geschützten, für sie zurecht gemachten Räumen. Sie werden rundum betreut und dauerbespielt. Eigene Erfahrungen sind damit fast unmöglich. Echte Probleme oder gar Gefahren gibt es nicht. Und Mut ist eher verdächtig.

Opas Streiche. Dabei belegen zahlreiche Studien, dass die Kinder selbst nichts lieber wollen als das: Unbeaufsichtigt und ungeschützt mit anderen Kindern spielen, in einer offenen, nicht für sie bestimmten Umgebung mit echten Herausforderungen. Denn nur so erleben sie die Abenteuer, von denen Eltern und Großeltern aus ihrer Kindheit erzählen. Nur so lernen sie, mit Risiken umzugehen. Und nur so werden sie selbständig, lernen Verantwortung zu übernehmen und gewinnen Freunde, auf die Verlass ist. Dabei müssen sie sich beweisen, mit Frust umgehen und sich selbst motivieren.

Endstation Ritalin. Aber das zählt nicht mehr. Kindern, die alleine unterwegs sind, wird schnell unterstellt, sie seien vernachlässigt. Eine Lobby für echte Bewährungen gibt es nicht. Kein Wunder, dass die Abenteuer von Momo, Pippi Langstrumpf und TKKG nur noch zwischen Buchdeckeln oder auf Bildschirmen stattfinden. Im richtigen Leben gibt es dafür keinen Platz mehr. Da gibt es die einklagbare Sicherheit betreuter Angebote, TÜV-geprüfte Spielplätze und als letzten Haltepunkt Ritalin. Die „wilden“ Orte, die noch vor einer Generation für Kinder spannend waren, sind verschwunden oder angstbesetzt.

Beulen und Schrammen. Die jüngste Pädagogik antwortet darauf bereits mit einem Paradoxon. Sie experimentiert mit abgeschirmten, scheinbar unbetreuten Zonen auf ihren Rundum-Betreuungs-Inseln. Über den Ausgang dieser Experimente werden die Eltern nach den ersten Beulen und Schrammen entscheiden. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Sehnsucht der Kinder nach echten, eigenen Abenteuern nie. Die Verbrecherjagd ist dafür ein Angebot.